Mittelalterliche Wurzeln und der Name Nieuwvliet
Schon im Mittelalter lag hier ein Dorf namens Nieuwvliet, das 1514 erstmals als Nieuvliet in den Quellen auftaucht.
- Bedeutung des Namens: ein Vliet ist ein Bach oder Wasserlauf, und das Wort nieuw (neu) unterschied dieses Gewässer von einem älteren Vliet in der Nähe.
- Mönche aus Gent: die Mönche der Sankt-Peters-Abtei in Gent waren im Mittelalter eifrig mit dem Eindeichen dieser Gegend beschäftigt, wodurch Sankt Peter, im Volksmund Sinte Pier, zum Schutzpatron des Gebiets wurde.
- Inseln und Meeresarme: das Gebiet lag zwischen den damaligen Inseln Cadzand und Groede, in einer Landschaft aus Prielen, Salzwiesen und Rinnen, die ständig vom Meer bedroht wurde.
- An das Wasser verloren: im 16. Jahrhundert verschwand das mittelalterliche Dorf durch Überschwemmungen in den Fluten.
Jan Adornes und das Dorf Sinte Pier
1527 ließ der Brügger Kaufmann und Deichbauer Jan Adornes (auch Adornis) den Sint Janspolder eindeichen und gründete dort die Herrlichkeit Nieuwvliet.
- Eine bedeutende Herrlichkeit: die neue Herrlichkeit umfasste auch die älteren Herrlichkeiten Sint Pieter und Mettenije, wurde 1529 von Kaiser Karl V. anerkannt und erhielt 1530 eine eigene Satzung mit nicht weniger als 164 Artikeln.
- Das Dorf Sinte Pier: rund um eine dem heiligen Petrus geweihte Kapelle wuchs das Dorf Sinte Pier, auch Oud-Nieuwvliet genannt, das ein gutes Stück westlich des heutigen Dorfes lag.
- Verbindung mit Gent: die Kapelle wurde später eine Pfarrkirche, wobei das Patronatsrecht bei der Sankt-Bavo-Abtei in Gent lag.
- Sankt-Felix-Flut (1530): schon nach wenigen Jahren verloren die Deiche den Kampf, die Sankt-Felix-Flut überspülte das junge Dorf, und der Wiederaufbau dauerte Jahre.
- Vom Krieg zerstört: einige Jahrzehnte später ging Sinte Pier erneut unter, diesmal nicht durch das Meer, sondern durch Soldaten während des Achtzigjährigen Krieges.
Der Groote Sint Annapolder und ein Neuanfang
1602 wurde der Groote Sint Annapolder trockengelegt, und darin wuchs einige Kilometer östlich der alten Kapelle das heutige Nieuwvliet.
- Eine Schanze im Polder: spanische Truppen bauten im neuen Polder eine Schanze, eine Verteidigungsanlage aus Erde, die nach dem verschwundenen Dorf den Namen Sinte Pier erhielt.
- Niederländisches Gebiet (1604): nach dem Feldzug von Prinz Moritz von Oranien 1604 fielen die Schanze und das Dorf an die Truppen der Generalstaaten, und Nieuwvliet gehörte fortan zu Staats-Vlaanderen.
- Hohe Herrlichkeit: Nieuwvliet blieb eine hohe Herrlichkeit mit eigener Gerichtsbarkeit, die von der Familie Adornes unter anderem an die Familien Borssele van der Hooge und De Vos überging; 1790 kaufte Johannes Faro sie als letzter Herr.
- Langgestreckte Form: mit der Trockenlegung des Kleine Sint Annapolder 1698 erhielt das Gebiet seine typische langgestreckte Form, ergänzt durch Polder wie den Mettenijepolder, Adornispolder, Baenstpolder und Lampsinspolder.
Reformierte und Mennoniten
Um 1650 bestand der Polder aus zwei Weilern: Nieuwvliet, wo die Reformierten wohnten, und Sinte Pier, wo die Mennoniten lebten.
- Mennonitische Kirche (1656): die Mennoniten von Sinte Pier bauten 1656 als Erste eine eigene Kirche.
Reformierte Kirche (1658): zwei Jahre später folgte die Kirche von Nieuwvliet, in der am 12. Oktober 1659 der erste Gottesdienst stattfand; zuvor gingen die Einwohner in Cadzand zur Kirche.- Ende einer Gemeinde (1777): die mennonitische Gemeinde von Sinte Pier wurde 1777 aufgelöst, nachdem die meisten Mitglieder fortgezogen waren, und ihr Besitz ging nach Aardenburg.
- Weitere Glaubensgruppen: auch Katholiken und Salzburger Emigranten, protestantische Glaubensflüchtlinge aus Österreich, fanden ihren Platz in den Poldern rund um Nieuwvliet.
- Sinte Pier lebt weiter: den Namen des verschwundenen Dorfes hört man noch immer; viele Einheimische sagen Sinte Pier zu Nieuwvliet, die Einwohner heißen Sintepiere, und jeden Sommer werden die Sinte Pierse Feesten gefeiert.
Franzosenzeit und eine eigene Gemeinde
Mit dem französischen Einmarsch von 1794 endeten die herrschaftlichen Rechte und Jahrhunderte der Verwaltung durch die Herren.
- Frankreich angegliedert (1795): am 1. Oktober 1795 wurde das Gebiet Frankreich angegliedert und kam erst 1814 wieder unter niederländische Verwaltung.
- Klein, aber selbständig: Nieuwvliet wurde eine eigene Gemeinde, die 1840 830 Einwohner zählte und so klein war, dass sie sich oft einen Bürgermeister mit der Nachbargemeinde Groede teilte.
Eine Mühle für das Dorf (1850): 1850 baute Charel Cappon die steinerne Erdholländermühle am Molenweg, die heutige Mühle von Nieuwvliet, die inzwischen ein Reichsdenkmal ist.

Der Verdronken Zwarte Polder
Eine der schönsten Erinnerungen an den Kampf gegen das Wasser ist der Verdronken Zwarte Polder, der 1802 bei einer Überschwemmung verloren ging.
- Eingedeicht 1623: der Zwarte Polder wurde 1623 angelegt, doch bei der Überschwemmung von 1802 brach das Meer wieder durch.
- Zur Hälfte neu eingedeicht: nach der Katastrophe wurde nur ein Teil wieder für die Landwirtschaft eingepoldert, das Gebiet, in dem heute unter anderem der Campingplatz De Zwarte Polder liegt.
- Ein seltener Slufter: der andere Teil entwickelte sich zu einem Slufter, einem Gezeitengebiet hinter den Dünen, in das bei Springflut durch eine Rinne Salzwasser einströmt, mit salzliebenden Pflanzen und vielen Vögeln.
- Verwandt mit dem Zwin: ähnliche Gebiete finden Sie im Zwin, im Slufter auf Texel und im Naturschutzgebiet De Westhoek in De Panne.
- Fossilien im Sand: am Strand beim Verdronken Zwarte Polder finden Sie mit etwas Glück fossile Haifischzähne, Überreste eines warmen Meeres vor Millionen von Jahren.
Der Zweite Weltkrieg und die Befreiung
Im Zweiten Weltkrieg lag Nieuwvliet mitten in dem Gebiet, das im Herbst 1944 während der Operation Switchback von kanadischen Truppen befreit wurde.
- Atlantikwall: die deutschen Besatzer befestigten die gesamte Küste von West-Zeeuws-Vlaanderen mit Bunkern und Hindernissen, um eine alliierte Landung zu verhindern.
- Befreiung im Herbst 1944: im Oktober und Anfang November 1944 befreiten kanadische Einheiten die Polder südlich der Westerschelde; bei Cadzand ergab sich am 2. November der letzte deutsche Stützpunkt in West-Zeeuws-Vlaanderen.
Beschädigte Kirche: auch die reformierte Kirche von Nieuwvliet erlitt Kriegsschäden und wurde 1949 wiederhergestellt. Mehr erfahren: im Kriegsmuseum Switchback in Oostburg zeigen Rekonstruktionen, Gegenstände und Fotos, wie die Befreiung dieser Gegend verlief.
Vom Polderdorf zum Badeort
Im 20. Jahrhundert entdeckten immer mehr Urlauber den breiten Strand bei Nieuwvliet, und aus diesem Tourismus wuchs Nieuwvliet-Bad.
- Nieuwvliet-Bad: anders als Cadzand-Bad ist Nieuwvliet-Bad kein richtiges Dorf, sondern ein Sammelbegriff für die Campingplätze, Bungalowparks und Ferienparks hinter den Dünen.
- Kommunale Neugliederung: 1970 ging die Gemeinde Nieuwvliet in Oostburg auf, und seit 2003 gehört das Dorf zur Gemeinde Sluis.
- Kleines Dorf, großer Sommer: Nieuwvliet-Dorp zählt rund 400 Einwohner, doch im Sommer wird diese Zahl von den Gästen in Nieuwvliet-Bad um ein Vielfaches übertroffen.
Ein modernes Wahrzeichen: der Radarturm von Nieuwvliet, erbaut zwischen 1985 und 1990, gehört zur Schelde-Radarkette, die seit 1991 den dichten Schiffsverkehr auf der Westerschelde begleitet. Neue Natur: in Waterdunen zwischen Breskens und Groede bekommt das Meer über einen Gezeitendurchlass wieder Raum, so wie es vor Jahrhunderten in diesem ganzen Gebiet der Fall war.








